London 26.06.2020 www.tenbagger-report.de – Jetzt ist es amtlich: Wirecard (WKN: 747206) stellte gestern seinen Insolvenzantrag beim Amtsgericht München. Der Kurs rauschte daraufhin wenig überraschend um weitere -80% in den Keller und wird damit um 3 Euro notiert. Gibt es noch eine Chance? Wir meinen, dass die Chancen gar nicht so schlecht stehen, um von Verantwortlichen, die für die Wirecard-Krise stehen, eine Entschädigung zu verlangen.

Für Leerverkäufer ist das Verhalten vieler Privatanleger rund um die Wirecard-Aktie, wahrhaftig ein “Fressen für die Geier”, denn tatsächlich besitzen leider viele Anleger, die offenbar erstmalig und teils als einzige Aktienposition, nur in Wirecard investiert haben, nur unzureichende Kenntnisse, die für ihren Anlageerfolg elementar sind. Viele von denen sitzen heute auf grotesken Verlusten, weil sie das unvorstellbare nicht wahrhaben wollten und es ist dennoch eingetreten, wie unzählige Fälle vorher an den deutschen wie internationalen Kapitalmärkten.

Es gibt tatsächlich, bis heute noch, unwissende Anleger und – was wir für eine Katastrophe erachten – unwissende Experten wie Fondsmanager, Analysten und Analystinnen sowie Wirtschaftsjournalisten, die bis zuletzt an ihren Aktienbeständen fest gehalten haben, obwohl jedem erfahrenen Kapitalanleger spätestens mit der Veröffentlichung des KPMG Berichtes im Mai klar gewesen sein musste, dass hier zumindest erhebliche Mängel in der Buchprüfungsfrage vorlagen, die auch nicht – wie immer behauptet wurde – vom bis Ende letzter Woche amtierenden Vorstandsvorsitzenden – neudeutsch-sarkistisch CEO (gesprochen: SiIhhhhOhhhh) transparent angegangen wurde. Spätestens mit Vorlage der Ad-Hoc von letzter Woche, dass ein unglaublicher Betrag von 1,9 Milliarden Euro, einfach mal verschwunden war, hätte jeder Anleger sofort die Notbremse ziehen müssen und hätte immerhin noch gut 30-50% seines ursprünglichen Investitionsbetrags gerettet.

Im Gegensatz zu vielen Publikationen, die Sie über das Thema lesen konnten und voller leerer Versprechen waren, haben wir als Expertenrunde, mit jeweils einem Vierteljahrhundert an Börsenerfahrung betont, dass es nun praktisch keine Hoffnung mehr gibt.

Zum Wochenende stellten sich dann die vermissten 1,9 Milliarden Euro tatsächlich als “Luft” heraus. Die Klärung erfolgte nicht durch Wirecard oder seinen Ex-CEO Markus Braun, sondern allein mit Hilfe der philippinischen Zentralbank und der BDO Bank aus Manila, bei der das fragliche Konto geführt und mutmaßlich dort von einem Mitarbeiter “manipuliert” wurde.

Das bedeutet, die Gesellschaft war zu diesem Zeitpunkt praktisch KO, angezählt und es lag konkret wie eindeutig eine Überschuldung vor.

Selbst theoretisch bestand für Anleger also seit Montag keine Hoffnung mehr, als den kleinen Restwert von 20-30 Euro für die Aktie zu bekommen. Trotzdem hielten bis Mittwoch Abend und Donnerstag früh, Anleger weiter, voller blinder Hoffnung, an ihren Papieren fest.

Erst als tatsächlich der überfällige Insolvenzantrag gestellt wurde, krachte die Aktie – nach einer rund einstündigen Handelsaussetzung – wie eine Bombe vom Himmel. Das Ende?

Ihr Geld ist nicht weg – es ist jetzt nur woanders

So ironisch es sich auch anhört, tatsächlich haben die Anleger ihre Wirecad-Aktie von jemandem gekauft, der selbst seine Aktie verkauft hat. Vielleicht haben einige auch von einem Leerverkäufer gekauft, der selbst keine Stücke besaß, diese aber von bestehenden Aktionären, über die Banken wo diese verwahrt sind, ausgeliehen, um sie zu verkaufen, um sie später günstiger eindecken zu können.

Für einen Leerverkäufer spielt es gar keine Rolle, wie günstig die Aktie schon geworden ist, wenn er sich sicher ist, dass die Aktie bei 0 € endet, wie viele es ahnten, dann ist praktisch jeder Tag, ein guter Tag, um die Aktie zu verkaufen, denn es besteht praktisch immer -100% Kurspotenzial nach unten. Umgekehrt gibt es bei so einem Wert praktisch keine Chance, irgendwie noch zu kaufen oder nachzukaufen, um am Ende einen Gewinn zu machen.

Tatsächlich nutzte selbst der desaströse Firmenlenker Markus Braun, die Gunst der Stunde und stieß einen erheblichen Teil seiner eigenen Aktien mitten im Auge des selbst angerichteten Orkans ab und erlöste offenbar tatsächlich noch 155 Millionen Euro, während ihm Anleger selbst zu diesem Zeitpunkt noch blindes Vertrauen schenkten, das der offenbar auf einige Anleger charismatisch wirkende Braun gnadenlos ausnutzte. Auf uns wirkte er schon länger eher als eine “billige Steve Jobs-Kopie“, die er um seine eigene Persönlichkeit herum initiierte.

Wer wen nun verklagt und am Ende Recht bekommt, wird die Gerichte noch jahrelang beschäftigen und hoffentlich wird die Bundesregierung selbst auch ihrer Verantwortung gerecht, indem sie einerseits die Regulation bei den Wirtschaftsprüfern erhöht sowie – was wir noch wesentlich wichtiger halten – einen Entschädigungsfonds für Anleger bereitstellt.

Tatsächlich sind wir der Meinung, dass hier staatliche Einrichtungen, angefangen von der Bundesaufsicht für Finanzen, bis zum Justizministerium und nicht zuletzt der Finanzminister Olaf Scholz höchstpersönlich, in dem Fall grotesk versagt haben. Auch sind wir der Ansicht, dass die Deutsche Börse, neben dem renommierten Wirtschaftsprüfer Ernst & Young, jetzt in der Phase der Aufklärung ihrer Verantwortung gerecht werden sollten.

Wir fordern einen Notfall-Fonds zum Ausgleich der Wirecard-Verluste

Um es kurz zu machen, wir wollen keine “Schuldigen” außerhalb von Wirecard finden. Um den Ruf für den Finanzplatz Deutschland nicht vollends zu ruinieren, der von Vertrauen abhängig ist, appellieren wir für eine Lösung, um das Debakel möglichst schnell aus der Welt zu schaffen.

Möglicherweise wäre es darum gar keine verkehrte Geste, wenn alle Anleger, die in den letzten vier Wochen erhebliche Verluste erlitten haben, einmalig entschädigt würden, mindestens für einen Teil ihrer Verluste, der aus einem Notfall-Fonds, gespeist würde, mit den Milliardenbeträgen, welche die vorgenannten Institutionen verwalten dürften.

Seien wir doch mal ehrlich, Deutsche Banken haben, zum Höhepunkt der Finanzkrise, im Oktober 2008, mal eben knapp eine halbe Billion Euro erhalten, um ihre eigenen dilettantisch getroffenen Fehlentscheidungen auszubügeln. Seit Start der Finanzkrise 2020, die durch den Coronavirus ausgelöst wurde, sind rund 1,2 Billionen Euro an staatlichen Hilfen angekündigt und größtenteils wohl schon ausbezahlt worden.

Bei solchen Beträgen soll es nicht ein paar Milliarden mehr geben, für offensichtlich im Wirecard-Crash geschädigte Kleinanleger, darunter viele Familien, die täglich hart für ihr Brot arbeiten müssen und offensichtlich von allen Seiten massiv getäuscht wurden?

Wir rufen darum alle Wirecard geschädigten Anleger auf, sich zu formieren und Initiativen zu unterstützen, welche die Einrichtung eines Notfallfonds zum Ziel hat und ermöglichen Ihnen uns auf dem Weg dorthin zu begleiten.

Natürlich wollen und dürfen wir die Anleger, mit ihren teils grotesken Fehlern, auch nicht völlig von der eigenen Verantwortung freisprechen. Es wäre spätestens jetzt dringend nötig, von allen Privatanlegern in Deutschland einen “Börsenführerschein” zu verlangen, bevor sie ihre erste Aktie kaufen dürfen.

Ein solcher Führerschein könnte tatsächlich nach erfolgreichem Besuch mit Abschlussprüfung eines Kurses erfolgen, der von Börsenverbänden organisiert würde oder nach einer staatlichen zentralen Prüfung erteilt werden, ähnlich wie der Autoführerschein.

Wir haben uns umgesehen und uns als eine Empfehlung an unsere Leser, für den BVH entschieden, der das Grundlagenwissen in vier Webinaren vermittelt, das zum zertifizierten Börsenwissen führt.

Der BVH wurde im Frühjahr 1992 von den vier Börsenvereinen Darmstadt, Mannheim, Paderborn und Saarbrücken gegründet. Ziele der Vereine waren insbesondere Weiterbildung und ein reger Austausch untereinander, um die Inhalte der Vereinsarbeit zu stärken. Seit über 25 Jahren entwickelt sich der Verband weiter und blickt heute stolz auf 73 Mitgliedsvereine und mehr als 15.000 Mitglieder. Jede neue Vorstandsgeneration baut auf den Herausforderungen und Leistungen der vorherigen auf und bringt den BVH wieder ein Stück weiter nach vorn.

Wir sind der Meinung, es muss alles getan werden, damit Investoren nicht weiterhin blind oder mit Scheuklappen auf den Augen am Börsenverkehr teilnehmen dürfen. Viele Anleger haben sich, obwohl sie meistens schon die Volljährigkeit erreicht haben, im Falle von Wirecard, leider verhalten wie ein dreijähriges Kind, beim überqueren einer Autobahn.

Interessenkonflikt

Dieser Beitrag stellt eine Meinung des Autors dar. Geschäftspartner können – unverständlicherweise – auch Aktien des besprochenen Unternehmens halten. Somit besteht konkret und eindeutig ein Interessenkonflikt. Geschäftspartner können die Aktien – je nach Marktsituation auch kurzfristig – kaufen oder veräußern und könnten dabei von erhöhter Handelsliquidität profitieren.

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Von Tenbagger

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