Es wird ein denkwürdiger Moment in der aktuellen Corona-Krise sein. Über Jahre hinweg wird man sicherlich davon noch erzählen: Seit einigen Tagen sind die Ölpreise beherrschendes Thema an den Börsen. Kein Wunder: Zum ersten Mal in der Geschichte der Ölbörse zahlten Produzenten für die Abnahme des Produkt (Mai-Kontrakt 1.000 Barrel Öl) auch noch Geld obendrauf. Zwar hatte es so etwas bisher schon bei kleineren Ölsorten gegeben, jedoch keinesfalls für die prominente Öl-Referenzsorte WTI (West Texas Intermediate).

Es war ein weiterer Negativrekord, den die aktuelle Krise mit sich brachte: Erstmals in der Geschichte stürzte der Future-Preis der Rohöl-Sorte WTI ins Minus. Verkäufer waren also bereit Geld dafür zu bezahlen, damit ihnen jemand die Kontrakte abnimmt. Im weiteren Handelsverlauf am vergangenen Montag stürzte der WTI-Preis sogar bis auf -40,32 US-Dollar. Viele alteingesessenen Marktbeobachter, Börsenexperten und Spekulanten rieben sich verwundert die Augen. So etwas hatten sie bei diesem sehr liquiden Rohstoff im Handel bisher noch nie gesehen. Und selbst die Öl-Sorte Brent war im Handel mit 16 US-Dollar je Barrel auf den tiefsten Stand seit Juni 1999 gesunken. Wenngleich es in den nächsten Handelstagen ziemlich holprig weiterging, hatte sich nun der Juni-Kontrakt der Öl-Sorte WTI sowie auch Brent nach anfänglichen Verlusten wieder erholt.

Was waren die Ursachen für den Preisschock?

Anleger fragen jetzt zurecht nach den Ursachen für derlei Preis-Kapriolen. Marktexperten sehen hier vor allem beim Öl die Gründe in einem massiven Überangebot sowie in den riesigen Lagerbeständen, das auf der anderen Seite durch die Corona-Krise einem Nachfrage-Schock gegenüber steht. Erklärungen liefern diese oft genannten Tatsachen:

  • Ölförderer können ihren Ölquellen nicht wie ein Wasserhahn von “jetzt auf sofort” zudrehen. Eine Demontage der Förderanlage sowie der Verschluss des Bohrlochs kosten viel Zeit, sogar Wochen, in denen weiter produziert werden muss;
  • In der weltweit intensivsten Förderregion im US-amerikanischen Texas und Oklahoma dürften die lokalen Produzenten den Markt falsch eingeschätzt und die Auswirkungen der Corona-Pandemie ziemlich unterschätzt haben. Ihre Förderkürzungen (allein in den vergangenen 5 Wochen 263 Ölförderprojekte) dürften recht spät eingeleitet worden sein;
  • Andererseits hat die Corona-Pandemie mehr als gedacht die Nachfrage nach dem schwarz-flüssigen Rohstoff kurzfristig deutlich abgewürgt. Beispiele: Indiens Nachfrage rutschte um 50 Prozent ab, weltweit soll im April die Rohöl-Nachfrage fast um 30 Prozent geschrumpft sein. China hatte dergleichen bereits im Januar und Februar durchgemacht.

Ölpreis-Turbulenzen: Wie geht es weiter?

Schon fragen sind Branchenbeobachter: Werden negative Ölpreise bald zur neuen Normalität? Fakt ist jedenfalls, dass die US-Ölproduzenten vor einer neuen Realität stehen. Ihre Produktion wird wohl 2020 herbe Rückschläge erleiden. Kleine und mittlere US-amerikanische Öl-Förderer wird es hart angesichts ihrer kreditfinanzierten, teuren wie auch unrentablen Produktion treffen. Schon wird von vielen Insolvenzen in Marktkreisen gesprochen. Dagegen haben Russland und Saudi-Arabien die mit Abstand tiefsten Produktionskosten für das herkömmliche Onshore-Öl. Es dürfte nicht verwundern, dass sich beiden Öl-Förderriesen wohl insgeheim einig sind, über die aktuelle Preispolitik den ungeliebten Konkurrenten und Hochpreis-Produzenten USA im Markt zu schwächen. Daran wird auch die von der OPEC + für den Mai 2020 verabredete Fördermengen-Kürzung um rund 10 Millionen Barrel (täglich) nicht viel ändern.

Denn langfristig dürfte nach Einschätzung von Rohstoffexperten weltweit die Produktion von Öl Jahr für Jahr zwischen drei bis vier Prozent zurückgehen. Das triff die kostenungünstige Produktion immer härter. Und dennoch: Durch die beschlossenen Investitionskürzungen der großen Ölkonzerne wie Royal Dutch Shell oder Total, wird der Ölmarkt zwangsläufig innerhalb der nächsten zwei Jahre zum alten oder einem neuen Gleichgewicht zurückfinden und das bedeutet auch relativ sicher, einen Anstieg beim Rohölpreis. Nur werden sich Anleger noch eine Zeit lang auf hochvolatile Schwankungen und auch extreme Differnzen zwischen den einzelnen Ölpreisen einstellen müssen.

Am deutlichsten sichtbar bleibt das beim aktuellen WTI-Future, für den Liefermonat Juni, der an der Börse NYMEX mit 17 US-Dollar pro Barrel notiert, während die europäische Sorte Brent, der an der ICE notiert ist, mit 22 US-Dollar fast 30% höher steht, obwohl normalerweise Brent, wegen der unterschiedlichen Qualität, mit leichten Abschlägen auf den WTI Preis handelt.

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Tenbagger

Von Tenbagger

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